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Heft Nr. 06 - März 2000

Jugendweihnachtsfeier des SVU - mehr als ein "Wadde Hadde Dudde Da"

"Super Ingo - ein Theaterstück in mehreren Akten"

Es war eigentlich zunächst einmal so, wie es immer war. Viele Kinder waren gemeinsam mit ihren Eltern in die Schlossberghalle gekommen. Bis dann eine Weile nach der Begrüßung die Kinder aufgefordert wurden, ihre Eltern "zu verlassen", der Musiksaal war eigens für sie reserviert. Kindern wurde Kindgerechtes präsentiert. Und den Eltern?

Auch den Eltern wurde ein Theaterstück angeboten. Da die Adventszeit auch eine Besinnungszeit sein soll, entschlossen sich die Verantwortlichen für ein eher zum Nachdenken anregendes Theaterstück - und was kann mehr zum Nachdenken anregen, als das tägliche Leben im gesellschaftlichen Miteinander oder auch das Nichtmehrvorhandensein des Miteinanders.

"Super Ingo" hieß das Theaterstück. Ingo (hervorragend dargestellt von Stefan Ostkamp) ist ein "in sich zerrissener" Hauptschüler von 15 Jahren, Einzelkind, mit dem Traumberuf "Computertechniker". Die Mutter wollte, dass er Philosophie studierte, und der Vater plädierte dafür, dass er einen sicheren und anständigen Beruf beim Staat oder zumindest bei einer Bank ergreift, in dem er sich nach oben dienen kann. Ingo hatte alles - doch eigentlich hat er nichts...

Karl-Rüdiger, der Vater von Ingo (Schauspieler Wemer Wolff erinnerte hier an den jungen Heinz Rühmann), leitender Bankangestellter, "Bürohengst", erzkonservativ, daneben ein "krawatten - und grauer Anzug - Typ". Sein Motto: Frau, Kind, Eigenheim, Auto (wobei die Reihenfolge willkürlich gewählt ist).

Ingos Vater gibt alles - doch eigentlich gibt er nichts... Dörthe, die Mutter von Ingo, Typ Künstlerin, eine absolut leidenschaftslose Hausfrau, ausgeflippt und durchgeknallt, Heirat wegen "Torschlusspanik", drohte sie doch ein "vertrocknetes Mauerblümchen" zu werden. Ungewollte Schwangerschaft, Ingo kam zur Welt - und von Anfang an stand das Kind ihrer "Karriere" als Künstlerin im Weg.

Ingos Mutter machte alles - doch eigentlich machte sie nichts. In den weiteren Rollen: (Mitschüler von Ingo: Hervorragende "Staatsschauspieler" wie Gerd Kalter, Bernhard Leiendecker, Werner Merkenich, Georg Naunheim) Der Trainer von Ingo (überzeugend dargestellt von Mario Weissmüller "Matscho") Und die Freundin "Sabine" (eine Rolle für die Marie-Therese Lechner geradezu prädestiniert war).

Um was ging es dabei? Die Familie war außerstande, ihre Konflikte zu lösen. Vater und Mutter lebten in "ihren Welten" und übersahen dabei, dass sie noch einen Sohn hatten. Der erlebte eine materiell gesicherte Kindheit - er war mit allen Luxusgütern überhäuft worden - nur Zeit hatte niemand aus seiner Familie für ihn. Die "Sprachlosigkeit" der Gesellschaft kommt hier zum Ausdruck.

Seine schönste Zeit im Leben hatte Ingo, als er mit 10 Jahren in den SVU eintreten durfte - wobei dieses "Eintreten" in den Verein mit den Worten seiner Eltern begleitet wurde: "Bilde dir ja nicht ein, dass ich mich einmal auf einen Sportplatz begebe..." Ingo war kein guter Fußballer, "aber ich spiele gerne Fußball", war seine Aussage. Er fand im Sportverein Anerkennung, Freunde, Unbeschwertheit und ein Lachen. Sein Zuhause war ein Zuhause ohne Unbeschwertheit und ohne Lachen.

Als er an seinem 15. Geburtstag ohne Wissen seiner Eltern eine kleine Feier vorbereitet, seine Freunde kommen und Sabine, deren Erscheinen ihn sprachlos macht, platzt sein Vater in die beginnenden Feierlichkeiten i.S von "Was ist denn hier los? Was treibt Ihr hier? Habt Ihr keine Hausaufgaben zu machen? Jetzt weiß ich auch, warum deine Noten so schlecht sind, löse das hier sofort auf und ab an die Hausaufgaben." Die Mutter trifft ebenfalls ein, sie verkündet, dass ihre Bilder ausgestellt würden, für die Anwesenden interessiert sie sich nicht und schwebt nach oben. Die Gäste verlassen das Haus. An Ingos Geburtstag haben die Eltern nicht gedacht....

Ingos Vater erteilt ihm ein Fußball- und Trainingsverbot. Von da an wird alles anders. In der Schule geht es bergab. Der Zorn des Vaters wird immer größer. Auf Fragen seiner Mitschüler reagiert Ingo aggressiv: "Scheiß Fußball, laßt mich mit dem Kinderkram in Ruhe!"

Dann gehen die Hänseleien los. Seiner Mutter wird nachgeäfft: "Ich bin doch eine Künstlerin, was treibt Ihr denn hier...? Neben der Sprachlosigkeit wird die Thematik erweitert hin zur Gewalt. Ingo schlägt zu, sein ehemaliger Freund Jo muss ins Krankenhaus, Nasenbeinbruch. Der Vater wird in die Schule gebeten. Hausarrest, Computerverbot, Prügel sind die Folge. Schließlich hat Ingo keinen einzigen Freund mehr, selbst Sabine hat sich von ihm abgewandt, weil sie mit einem Hooligan nichts zu tun haben wollte.

Es werden Szenen dargestellt, Ingo mit seinem Vater im Wohnzimmer, Ingo allein in seinem Zimmer, Ingo auf dem Schulhof, Fußballer unter sich, die über Ingo herzogen - ihn provozierten und die letzte Szene, Ingo in seinem Versteck, der Trainer kommt.

Die Konflikte in Schule, Freizeit und Elternhaus werden dem Zuschauer eindrucksvoll geschildert. Es wird auch deutlich, wie der Junge darunter leidet. Ein Weg hin zur Sucht wird aufgezeigt, scheint doch Ingo außerstande, seine Probleme selbst zu lösen.

Er greift zur Flasche und zieht sich immer mehr zurück. Für seine Eltern ist er ein Versager, für seine ehemaligen Freunde ein Hooligan, ein aggressiver Schläger. Als der Junge es nicht mehr aushalten kann, läuft er fort von zuhause und flüchtet in ein Versteck. Hier hält er eine Flasche Korn in der Hand und weint.

Sein Trainer kommt und versucht ein Gespräch mit Ingo zu führen. Wörtlich sagt der Trainer: "Ingo, ich meine es ernst, wir - die Fußballer, Sabine und ich, wir alle wollen dich zurückhaben." Darauf antwortet Ingo: "Trainer, mich will deshalb keiner, weil mich keiner mag. Das was Ihr meint ist nicht mich mögen, das ist Mitleid." Auf den Einwand vom Trainer antwortet Ingo: "...meiner Mutter habe ich die Karriere kaputtgemacht und mein Vater, der liebt nur seine Arbeit...". Trainer, ich hatte meine schönste Zeit bei Euch in der Mannschaft, aber wahrscheinlich hat mich da auch keiner gemocht, ich kann nicht mehr zurück."

Er bittet jetzt den Trainer zu gehen, der meint: "Ich respektiere deinen Wunsch, ich gehe, aber denke daran, du bist immer willkommen." Ingo antwortet daraufhin: "Ja Trainer, da wo ich jetzt hingehe, da sind alle willkommen..." Ingo holt die Flasche macht einen langen Zug, fängt wieder an zu weinen und torkelt aus dem Bild....

(Manfred Mandel)