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Heft Nr. 13 - Dezember 2003

Interview mit Luise Bonk und Christel Oster aus der Gymnastikabteilung

Sportplatz in Kobern-Gondorf. Es ist ein lauer Spätsommerabend, an diesem 18. September. Eine große Anzahl Kinder und Jugendlicher umringen den Trainer, rufen, lachen, haben offensichtlich ganz einfach Spaß. Am Spielfeldrand stehen vier Erwachsene, zwei Damen, zwei Herren. Sie hatten sich verabredet hier am Sportplatz. Man genießt die letzten Sonnenstrahlen, will sodann der Versuchung abschwören, doch einfach draußen zu bleiben, man begibt sich ins Sportplatzgebäude, drinnen ist man halt ungestörter.

Wer sind sie, diese Erwachsenen, diese beiden Damen? Es sind die Übungsleiterin der Gymnastikabteilung, Luise Bonk und die ehemalige längjährige Abteilungsleiterin, Christel Oster. Die beiden Herren gehören dem Redaktionsteam SVU-Attacke an. Beide Damen haben sich bereit erklärt, schonungslos und offen die Fragen der beiden Interviewer zu beantworten.

InterviewManfred Mandel hier im Interview mit Frau Bonk und Frau Oster.

Frage: Die Gymnastik-Abteilung im SVU ist 1968 gegründet worden. Der SVU war doch damals ein Verein, in dem die Ballsportarten dominierten. Ward Ihr ein Teil dieser sogenannten “wilden 68er”?

Frau Bonk, Frau Oster: Keineswegs, wir waren zahm und friedlich, also keineswegs wild, wir waren froh, dass wir das so machen konnten. Dazu kommt, dass die Gymnastik-Abteilung nicht auf Grund weiblicher Initiative gegründet worden ist, sondern es waren Männer, die uns anstachelten.

aus früheren TageEin Bild aus früheren Tagen: Anneliese Wolff, Sofia Perkert, Hedwig Ostkamp, Hedwig Hähn, Änni Mandel, Gudrun Ensel, Margret Schwab, Sissi Straus.

Redaktion: Was 1968 und Männer waren es....?

Frau Bonk, Frau Oster: Die beiden Herren waren der damalige erste Vorsitzende des Sportvereins, Bernd Ostkamp und Werner Wolff aus Kobern. Sie meinten zu einigen Damen, das könne es doch wohl nicht sein, nur am Spielfeldrand zu stehen und dem Sport anderer zuzuschauen. Die Damen sollten doch selber Sport treiben, vielleicht Gymnastik und so... Jedenfalls war das genau der Startschuss.

Redaktion: Wer war denn zu dieser Zeit die erste Übungsleiterin?

Frau Oster: Es war die Frau Koch, die kam vom Ballett her. Und ziemlich spontan fanden sich 130 Damen, die sehr schnell der Gymnastik – Abteilung angehörten. Doch das bröckelte dann, so dass nach kurzer Zeit nur noch 30 – 40 übrig blieben. Das ganze fand im Saal des Hotel Fuchs statt. 1973 stieß dann Frau Bonk zu uns, das gab der Abteilung einen riesigen Auftrieb, das machte sie eigentlich zu dem, was sie jetzt ist.

Redaktion: Wer waren denn die ersten Leiter der Gymnastik-Abteilung?

Frau Oster: Die erste war wohl die Christa Laux (geb. Haupt), die Frau Jehra und die Frau Ilse Sturm. Ab 1974 war ich Abteilungsleiterin und habe dieses Amt auch bis 1997 besetzt.

Redaktion: Frau Bonk, seit 1973 Übungsleiterin, wir schreiben das Jahr 2003, da liegen ja 30 Jahre dazwischen?

Frau Bonk: Ja, ich habe das inzwischen 30 Jahre lang gemacht. Es war eine schöne, gute und wunderbare Zeit, sonst wäre ich auch nicht dabeigeblieben. Es war wirklich eine schöne Zeit, mit schönen Wochenendlehrgängen und vor allem war es eine gute Zeit mit der Frau Oster als Abteilungsleiterin.

Redaktion: Wie war denn die Entwicklung, wie konnte die Gymnastik – Abteilung sich so erfolgreich vergrößern und etablieren?

Frau Bonk, Frau Oster: Es wurden immer mehr Personen angesprochen, so dass viele Gruppen gegründet werden konnten, wie z.B. Kinderturnen, Frauengruppen, Tanzgruppen, Senioren. Gerade die Senioren, dafür hat Frau Bonk eigens eine Lizenz erworben, die stießen dann 1979 von der Kirche – hier wurde Seniorengymnastik angeboten – zum SVU.

Redaktion: Frau Bonk, wie viele Übungsstunden wurden denn pro Woche gehalten?

Frau Bonk: Ich selbst habe ca. 5 Stunden in Kobern-Gondorf angeboten. Darüber hinaus war ich noch in anderen Untermoselgemeinden tätig, so dass ich völlig ausgelastet war. Jetzt nach 30 Jahren habe ich auf zwei Stunden reduziert und will mich allmählich ganz zurückziehen. Es war lange genug. Ehrlich gesagt, manchmal kann ich mich nicht mehr reden hören.

Bonk und OsterChristel Oster und Luise Bonk 1982.

Frau Oster: Also Frau Bonk, das ist doch so abwechslungsreich, so toll bei Ihnen, das kann ich mir gar nicht vorstellen, dass Sie so denken.

Frau Bonk: Doch, nach dreißig Jahren wird es Zeit, dass Jüngere kommen und andere Gedanken und Konzepte einbringen...Ich möchte mich langsam zurückziehen...

Anmerkung der Redaktion: Vermutlich hat Frau Bonk bei diesem Satz etwas in die Sonne gucken müssen und war wohl geblendet worden, wie anders kann es sein, dass ihre großen dunklen Augen plötzlich etwas feucht zu werden schienen...?

Redaktion: Gab es denn Erlebnisse/Vorfälle, an die man sich heute noch gerne erinnert?

Frau Bonk, Frau Oster: Natürlich gab es die.

Anmerkung der Redaktion: Die beiden Damen blicken sich an, sie schmunzeln, lächeln und schweigen.

Frau Oster: Anfangs machten wir in dem alten Kinosaal Gymnastik. Das war was. Wir trauten uns nicht, uns umzuziehen. Warum? Mäuse! Einmal beim Bodenturnen, plötzlich fing eine Dame laut an zu schreien. Mäuse!

Frau Bonk: Wir waren eigentlich immer zufrieden, auch mit den manchmal wenigen Geräten, die uns zur Verfügung standen. Gott, es passiert doch immer etwas. So hatten einmal Kinder die Medizinbälle aufgeschnitten und – dann reingepinkelt.

Frau Bonk, Frau Oster: Was vielleicht auch erwähnt werden sollte. In all den vielen Jahren hat es kaum Verletzungen gegeben, das spricht doch wohl für die Gymnastik als Sportart?

Redaktion: Aus Erzählungen kann erfahren werden, dass die Aktivitäten dieser Abteilung weit über das eigentliche Sporttreiben hinausgehen?

Frau Oster, Frau Bonk: Das ist richtig. Wir machen Theaterbesuche. Oftmals sind wir im Anschluss an die Übungen noch einen trinken gegangen, haben so schöne Abende erlebt. Busfahrten wurden unternommen, in die Pfalz, nach Idar-Oberstein, Hachenburg, Limburg, Bad Dürkheim.

AusflugDie Senioren-Gymnastikgruppe bei einem Ausflug.

Frau Oster: Da fällt mir was zu ein. Da war – ich meine in Neustadt / Pfalz war das – da waren wir in die Stadt gegangen. Einer unserer Damen war aufgefallen, dass Ariel im Sonderangebot war. Die hat dann einen riesigen Karton gekauft und mit in den Bus geschleppt. Wir sind dann hingegangen, haben den Karton geholt und versteckt. Da war eine Gaudi im Bus...

Frau Bonk: Es war in Edenkoben. Wir saßen an einem Tisch, ich saß neben einem mir fremden Mann und unterhielt mich angeregt mit ihm. (Wie) Auf ein Kommando standen alle Frauen am Tisch plötzlich auf und ich saß mit dem Herrn allein am Tisch. Der Mann ist dann mit in den Bus eingestiegen und bis Maikammer mitgefahren. Da war die Frau Oster böse auf mich, obwohl doch alles ganz harmlos war.

Redaktion: Stille Wasser....?

Frau Bonk, Frau Oster: Quatsch, das war doch wirklich nur Blödsinn.

Redaktion: Wie sieht denn eigentlich so eine Gymnastikstunde aus, wie ist die aufgebaut?

Frau Bonk: Also mittwochmorgens machen wir 1,5 Stunden, ich würde dazu sagen, Problemzonengymnastik. Mit 15 – 18 Frauen machen wir eine halbe Stunde lang ein Auflockerungstraining (Fettverbrennung), danach Muskelaufbau und Kräftigung, also Stretching, Dehnen und Kräftigen.

Mittwochnachmittags bin ich dann bei den Senioren. Ca. 19 Damen nehmen daran teil. Ich versuche mich dann den Belangen der etwas älteren Jahrgänge zu widmen, wenn das beispielsweise Probleme sind, vielleicht beim Bewegen der Arme oder so, dann möchte ich durch die Gymnastik hier helfend und unterstützend wirken. Da gibt es noch eine Besonderheit. Wir haben alle in dieser Gruppe festgestellt, dass es gut tut, auch mal über die sogenannten Wehwehchen zu sprechen. Aus diesem Grund treffen wir uns auch bereits eine halbe Stunde vor dieser Übungseinheit, um ganz einfach miteinander zu reden, uns auszutauschen, uns auch gegenseitig zu helfen.

Redaktion: Das ist eigentlich ein Umstand, der den meisten doch sicherlich gar nicht bekannt ist.

ÜbungenDie Senioren-Gymnastikgruppe bei einer ihre Übungen.

Frau Bonk: Das bedauere ich auch sehr, es gibt sicherlich in Kobern-Gondorf noch mehr ältere Damen, denen eine solche Umgebung wohl tun würde. Aber wir können auch in dieser Zeit herzlich lachen und wenn jemand Geburtstag hat, dann setzen wir uns anschließend noch schön zusammen. Daneben gehen wir Kegeln, Wandern, machen eine Fahrt zusammen, oder das Ostereier suchen, unsere schöne Weihnachtsfeier...

Ja, wir versuchen auch die Frauen etwas aufzufangen, die beispielsweise ihren Partner verloren haben. Es ist einfach eine gute Sache.

So waren wir beispielsweise zu einem Wochenendseminar in Oberwesel. Hier hatten wir auch den Bereich Fußpflege mit eingebaut. War doch anfangs große Scham zu erkennen, wenn es darum ging, die Füße zu entblößen, so legte das sich ganz schnell, und die Fußpflege wurde sehr positiv gesehen. Wir spielten auch einfache alte Spiele, wie Halma. Unglaublich was hier ein Engagement zutage trat. Rote Köpfe, Kurzatmigkeit, so waren die Spieler in das Spiel eingebunden. Das hat sich beibehalten, so dass sie sich immer wieder getroffen haben.

Anmerkung der Redaktion: Frau Bonk unterbricht und erklärt, man wolle ja keinen Namen nennen, aber sie bitte darum, einen Namen doch einbringen zu dürfen.

Frau Bonk: Es ist Sissi Strauß, sie war ein großer Gewinn für uns.

Redaktion: Gibt es irgendetwas, vielleicht auch Ideelles, was Sie sich für die Gymnastik-Abteilung wünschen?

Frau Bonk: Ich würde so gerne an Frauen rankommen, die nicht mehr so rauskommen, die sich vielleicht auch nicht mehr trauen rauszugehen. Aber das kann eigentlich nur funktionieren, wenn wir alle solche Frauen ansprechen i.S. von: “Komm doch mal mit, ich hol Dich ab, dann gehen wir zusammen dahin...”

Da gibt es auch beispielsweise die Frau aus Löf, die sich sehr um Frauen kümmert, die ihren Partner verloren haben.

Frau Bonk, Frau Oster: Wir haben bei einer der letzten Veranstaltungen ganz schön die Kasse geräumt, vielleicht würde ein kleiner Obulus hier etwas helfen. Aber noch mal: Wir sind zufrieden und miteinander und wünschen uns, dass das in Zukunft auch so bleibt. Und es macht uns auch nichts aus, wenn wir mit unserem Tätigsein mehr im “Verborgenen” bleiben, also fern aller Aufmerksamkeit. Wichtig ist uns nur die Gemeinschaft und dass es uns möglich ist, Menschen aufzufangen, das betrifft vor allem ältere Menschen und keiner mehr so ganz allein ist.

VerabschiedungChristel Oster mit Luise Bonk bei ihrer Verabschiedung 1998 als Gymnastik-Abteilungsleiterin.

Redaktion: Sie waren sehr nette Gesprächspartner. Vielen Dank und alles Gute.