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Heft Nr. 04 - März 1999

Ein "Dilemma" der Sportvereine?

Jugendarbeit - vielleicht nicht nur im SVU - 1998/99
Versuch einer Analyse mit gleichzeitigem Appell

Derzeit werden von den verschiedensten Verbänden sogenannte Wettbewerbe ausgeschrieben. Prämiert wird dabei unter bestimmten Namen und Begriffen "besonders gute Jugendarbeit im Sportverein". "Besonders gute Jugendarbeit' wird aber definiert mit "außersportlichen Vereinsaktivitäten", wie beispielsweise das Ausrichten von Jugendfreizeiten, Jugenddiscos, Fahrrad Kanutouren, pp.

Die Teilnahme an solchen Wettbewerben dabei werden verlockende Geldsummen als Preise ausgesetzt, die jede schmale Vereinskasse aufpolieren könnten und so den Verein möglicherweise in Zugzwang geraten lassen erfordert ein sehr hohes zeitliches Engagement verschiedenster Vereinsaktiver. Die Anzahl dieser Wettbewerbe ist fast unüberschaubar geworden.

Wie kann es zu einer derartigen Wettbewerbsinflation kommen? Wo liegen mögliche Motive für die Ausrichtung solcher Wettbewerbe? Sind Sportvereine gar mit der Ausrichtung überfordert? Solchen oder ähnlichen Fragen gelten die folgenden Überlegungen.

Gesellschaftliche Veränderungen?

Ein Grund zur Ausrichtung dieser Wettbewerbe könnten in einigen der Faktoren zu sehen sein, die unsere heutige Gesellschaft in Teilbereichen charakterisieren. Sind es doch eher materielle Werte, die dominieren, während die ideellen so vielleicht auch der Wunsch Eltern zu sein und damit auch Kindererziehung, derzeit weniger gesellschaftliche Anerkennung zu erfahren scheinen. Dagegen Statussymbole wie Eigenheim, flottes Auto, mehrmaliges jährliches Urlaubsjetting pp.verfügen offensichtlich über hohe Akzeptanzwerte.

Es entsteht daneben der Eindruck, dass traditionelle Familienkonzepte immer weniger gelebt werden und sich auch mehr und mehr Erziehungsberechtigte aus ihrer Verpflichtung zur Kindererziehung verabschieden.

Mit antiautoritärer Erziehung hat das absolut nichts zu tun, findet doch hier Erziehung überhaupt nicht statt. Kinder und Jugendliche werden sich nämlich selbst überlassen. Selbstüberlassen kann bedeuten, Kindern, die Orientierung brauchen, notwendige Orientierungen zu versagen. Orientierung meint u.a. auch, dem Kind Anhaltspunkte über die Zulässigkeit / Erwünschtheit seines Handelns zu geben. Kinder wollen ihre Grenzen erfahren, notwendigerweise müssen sie auch erfahren wo Grenzen sind. Wird diese Orientierung verwehrt, kann dies zu Orientierungslosigkeit führen.

Zeit haben?

Der Faktor Zeit ist heute ein wertvolles, somit eher auch ein knappes Gut. Wird doch objektiv betrachtet jedem Menschen pro Tag die gleiche Menge Zeit zur Verfügung gestellt. Mit dieser Zeit kann das Individuum in hohem Maße selbstbestimmendes Zeitmanagement betreiben.

Genau hier aber ist die Frage zu stellen: "Was ist mein Kind mir wert? Wieviel meiner kostbaren Zeit bin ich bereit, meinem Kind zur Verfügung zu stellen? "

Zu der eben beschriebenen Orientierungslosigkeit könnte sich also bei dem Kind die "Wertfrage" stellen, i.S. "Was bin ich meinen Eltern wert, die froh sind, wenn sie ihre Ruhe haben und kaum Zeit haben für mich : " Würde daraus ein "Ich bin ihnen nichts wert" so könnte eine Fortsetzung dieser Gedanken ein 1ch bin nichts wert!" ergeben, und damit kann eine Grundlage für ein negatives Selbstkonzept gebildet werden.

Medien - heimliche Miterzieher?

In einer Gesellschaft, in derAnerkennung in erster Linie mit Besitz von Statusgütern einhergeht, scheint Zeiteinteilung in einer Form vorgenommen werden zu müssen, die eine Erhaltung, vielleicht auch Vermehrung dieser Güter ermöglicht.

Demgemäß gilt es, Entschädigungsstrategien gegenüber dem Nachwuchs zu wählen, Entschädigungsstrategien für die Zeit nämlich, die den Kindern eigentlich zugestanden hätte, ihnen jedoch nicht gewährt worden ist. (Schuldausgleichszahlungen?)

Erscheint es von daher doch angenehmer (bequemer!) Kindern zeiteinsparende materielle, denn zeitkostende, ideelle Zuwendung zukommen zu lassen.

So sind es immer mehr kindeigene Fernseher, Video und PC, die Erziehungsfelder mitbesetzen, in denen früher Familien, Schulen und Kirchen wirkten. Kinder und Jugendliche haben vielfach hohe Medienkonsumzeiten und laufen von daher möglicherweise Gefahr, Verhaltensweisen und Einstellungen zu übernehmen, wie z.B., wenn in sog. Actionfilmen permanent verdeutlicht wird "Der Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung eigener Ziele ist normal und bringt Anerkennung."

Kinder sind Zukunft

Kinder bedeuten vielfach anders als in der Werbung vorgegaukelt Probleme, Sorgen, auch Ärger, bedeuten Ängste um und mit den Kindern, bedeuten aber auch das Glück schlechthin.

Dennoch "mißratene" Kinder "mißraten" kaum von selbst. Eigenverantwortlichkeiten sollen hier nicht verschoben werden, trotzdem, wenn Erziehung und damit verbunden das Vereinbaren und Einhalten von Regeln nicht oder kaum mehr stattfindet, wie sollen dann Kinder Regeln befolgen können wenn sie die überhaupt nicht kennen?

Kinder bedeuten Zukunft und sind wichtig muß dieses Bewußtsein etwa erst wieder gelernt werden?

Und die Schule?

Welche Schule kann von sich behaupten, dass dort noch Erziehung stattfindet? In vielen Bereichen reduziert sich Schule auf reine Informationsvermittlung, Überprüfung und "Prämierung" dieses Wissens und damit eine Form von "Vorsortierung" für den Einstieg in das Erwerbsleben. Und dieser Einstieg vollzieht sich, anders als in früheren Zeiten, heute nicht mehr im Sinne eines Automatismus.

Ein Versuch der Entlarvung

Möglicherweise ist unsere Gesellschaft zumindest in Teilbereichen anders als "frühere" Gesellschaftsformen. Werden doch bei uns immer mehr Menschen zu den Reichen und vor allem immer mehr noch zu den Armen unserer Gesellschaft gezählt. Vielleicht kann hier schon eine Art Entlarvungsversuch betrieben werden. Rein hypothetisch wäre die Frage zu stellen, wer könnte denn angesehene und etablierte (Sport ) Vereinsstrukturen benutzen wollen, um so ggf. eigene Aufgaben zu erledigen (Versäumnisse zu kaschieren)?

Es scheint so zu sein, dass jener "irgendwer" erkannt zu haben scheint, dass in unserer Gesellschaft in Teilen zumindest "irgendetwas nicht zu stimmen scheint". Wen kann er aber ansprechen, angesichts des Dauerdilemmas leerer Kassen?

Familienunterstützung in sozialen Fragen, schulische Subventionen, kosten wohl das Geld, über das jener zwar verfügt, sich aber offensichtlich weigert, für diese Bereiche zur Verfügung zu stellen, scheint es doch Wichtigeres zu geben.

Möglicherweise könnte so die Zielgruppe "Sportverein" als sehr preiswerter Lückenbüßer entdeckt worden sein. Im Verhältnis zu staatlichen Fördermaßnahmen werden so mit relativ wenig Geldern Anreize (also besagte Wettbewerbe) geschaffen, Kinder und Jugendliche nicht nur sportlich zu fördern (sondern auch, Erziehungsdefizite aufzuarbeiten).

Viele ehrenamtliche Mitarbeiter der Vereine genießen zudem Ansehen und Vertrauen, garantieren Fleiß, Engagement, Zuverlässigkeit, Kontinuität, schlechthin Vorbildfunktion auch i.S. von Wertevermittlung.

Keineswegs sollen hier die Verdienste, der Vereine kritisiert oder geschmälert werden, die Preise gewonnen haben und auch öffentlich ausgezeichnet wurden und werden. Diese Vereine haben sicherlich Vorbildcharakter bewiesen und sind zurecht dafür ausgezeichnet worden.

Das Dilemma der Sportvereine? oder: Quo Vadis Sportverein?

Auch (Sport ) Vereine bemerken, dass der "Run auf das Ehrenamt" von immer weniger Interessenten aufgenommen wird.

Was passiert aber, wenn ursprünglich charakteristische Vereinstätigkeiten, nämlich die Durchführung eines Sportbetriebes und die Vorbereitungsmaßnahmen dazu, durch die vielen, den Vereinen angebotenen Wettbewerbsanforderungen, nicht oder kaum noch u.a. mangels Personal geleistet werden können?

Welchen Weg also soll ein Verein einschlagen? Kinder und Jugendbetreuung nach der Schule, am Wochenende, in den Ferien, um so ggf. Geldpreise zu gewinnen; oder soll der Verein die Wettbewerbe völlig ignorieren und doch nur sportliche Fertigkeitsvermittlung betreiben? Bei parallel laufenden Vorgehensweisen nämlich drohen ihm Trainer / Betreuer / Elternkonflikte.

Eingleisige Vorgehensweisen stellen Prämierungen jedweder Art in Frage. Daneben scheint auch eine Art Doppelmoral erkennbar zu sein: Medien unterstützt durch gerade diese Verbände, die an der Ausrichtung der Wettbewerbe beteiligt sind loben sportlichen Erfolg, belohnen mit Anerkennung in Form von positiven Berichterstattungen. Heben den 8 Jahre alten Torschützen mit Namen hervor, so dass einzelne Eltern und manch ein junger Spieler von einer Bundesligakarriere träumen. Gleichzeitig findet Werbung für den Ausrichter statt

Das alles scheint im Widerspruch zu stehen, beispielsweise zu dem letztjährigen Motto des Deutschen Fußballbundes, "Fußball mehr als ein 1:0". Prämiert wiederum wurden fast ausschließlich außersportliche Aktivitäten

Lieber "Irgendwer" ein Appell

Natürlich werden Sportvereine durch Dich auch unterstützt. Aber ist diese Unterstützung bei den gewachsenen und wachsenden Anforderungen und Aufgaben noch zeitgemäß? Vereine, die Jugendarbeit leisten, leisten Dienst an einer Gesellschaft, die sich massiv verändert hat, vor allem seit jener Zeit, als Du Dich entschlossen hast, Vereine finanziell zu unterstützen. Seit dieser Zeit hat sich auch die Arbeit der Sportvereine verändert . Deine Unterstützungen dagegen sind noch auf diesem veralteten Stand.

Vielleicht erkennst Du ja, dass Du mit Deinen kleinen (unsportlichen?) Tricks in Form der Durchführung dieser Wettbewerbe den Vereinen zwar vordergründig Anreize bietest, sie aber letztendlich damit überforderst?

Wie wäre es denn, wenn Du Dich einfach über die elementare Bedeutung dieser Übungsleiter / Betreuer / Trainer im Jugendbereich informieren, Dich von ihrer Kompetenz überzeugen würdest. Ihr Wirken so könnte dann eine Erkenntnis lauten geht vielfach weit über die Vermittlung sportlicher Fertigkeiten hinaus. Leisten sie doch einen wesentlichen gesamtgesellschaftlichen Dienst, Dienst an der Jugend, den Erwachsenen von morgen.

Schön wäre es auch, wenn Du dazu stehen könntest, dass Du für Deine "Keimzelle" (Familie) vielleicht vorübergehend Hilfe brauchst, weil heute Kinder vielfach sich selbst überlassen sind.

Vielleicht könntest Du auch zum dem Schluß kommen, dass Jugendarbeit im (Sport) Verein Präventionsarbeit ist, Prävention gegen Kriminalität, Drogen und Gewalt. Langfristig gesehen wäre eine Investition in diese Jugendarbeit der Vereine eine Investition in die Jugend, wäre effektiver und wäre langfristig kostengünstiger.

Deine Wettbewerbe entfielen möglicherweise oder würden weniger, dennoch hättest Du dokumentiert, dass Dir Jugend etwas wert ist und Du hast für Deine Jugendarbeit einen zuverlässigen Partner gewählt den (Sport )Verein nämlich.

Fazit:

Würden die vorgetragenen, in Teilen gewagten Thesen, Akzeptanz finden, könnte sich in unserer Gesellschaft ein anderes Bewußtsein gegenüber (Sport )Vereinen i.S. "offizieller Wertevermittlungsinstitutionen" entwickeln.

Mehr Menschen, die sich mit einem solchen Verein identifizieren, könnten neue Mitgliedschaften, Spenden und neue Mitarbeiter, aber auch mehr staatliche finanzielle Fördermittel, bedeuten.

Daneben auch erscheint eine bessere Ausbildung und vielleicht auch Bezahlung der Übungsleiter notwendig, damit auch das "Sport und NachdemSporttreiben" i.S. einer offensichtlich in Teilbereichen fehlenden "Kümmerdichumuns Institution" (früher Familie) gestaltet werden kann

Manfred Mandel

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