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Heft Nr. 01 - August 1997

SV Untermosel, Jugendspielgemeinschaft unter dem Gesichtspunkt der Aktion des Deutschen Sportbundes „Kinder stark machen“?

Die Sportvereine SV Untermosel, TSV Lehmen, VFR Niederfell und FSV Dieblich haben sich im Bereich Fußball zu einer Jugendspielgemeinschaft zusammengeschlossen. Einer der Gründe für diesen Zusammenschluß dürfte darin zu sehen sein, daß es für den einzelnen Verein offensichtlich immer schwieriger wird, die notwendige Anzahl Kinder und Jugendlicher in den entsprechenden Altersgruppen zu stellen, um Mannschaften bilden zu können.

Starke Kids im SVU - Weihnachtsfeier 1996

Wird jetzt aus der Not eine Tugend gemacht, indem bedingt durch diese "Poolbildung" die besten Spieler der Altersgruppen "abgeschöpft" und gezielt gefördert werden, um der Region und damit den Vereinen auch für die Zukunft einen höherklassigen Fußball zu bieten?

Und - wäre diese Strategie dann geeignet, Kinder und Jugendliche stark zu machen? Auswählen und feststellen: "Du bist geeignet und Du weniger"? . . . die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ... Im Rahmen der JSG ist man sich darüber einig, daß es "so" nicht gehen kann.

Was bedeutet eigentlich diese"Jugendphase"?

Als Jugendphase wird der Lebensabschnitt des Menschen vom Kind hin zum Erwachsenen bezeichnet, Veränderungen physischer und psychischer Art werden hier tagtäglich erlebt. Verbunden mit Identitäts- und Akzeptanzproblemen, Probleme im Bereich "Loslösung vom Elternhaus", als wichtige Stufe zur Eigenständigkeit, bis hin zu elterlichen Schwierigkeiten im Rahmen des"Loslassens".

Ein prozeßhaftes "Wer bin ich eigentlich?" eingebunden in Leistungsdruck, Erwartungshaltungen der Eltern, daneben möglicherweise Orientierungs- und Perspektivlosigkeit u. a. im Hinblick auf Lehrstelle und Beruf.

Vielfach eingeschränkte Spiel- und Kommunikationsmöglichkeiten, auch zeitgeplagte Eltern. In vielen Fällen sind Kinder und Jugendliche über Tag außerhalb der Schule allein auf sich, Fernsehen, Computer o. ä. gestellt. Probleme, die möglicherweise als mitverursachend für das beschrieben werden können, was heute vielfach in den Medien mit "steigender Kinder- und Jugendkriminalität, Drogenkonsum" beschrieben werden.

Sind die heutigen Kinder und Jugendlichen möglicherweise"schlechter" als die Jugendlichen von früher, also die Erwachsenen von heute?

Jugend und Jugendprobleme sind das Spiegelbild der Gesellschaft, kann in etwas abgewandelter Form geschlußfolgert werden. Und jede Erwachsenengeneration hat die Jugend, die sie verdient.

Doch wie werden Kinder / Jugendliche stark? Insbesondere, wie kann ein Sportverein dazu beitragen, Kinder und Jugendliche stark zu machen?

Der allerbeste Schutz gegen Drogenkonsum, meint Prof. Hurrelmann, sei der selbständige und bewußt handelnde Jugendliche selbst, der gegenüber dem Anbieter von Zigaretten, Alkohol und illegalen Drogen standfest bleibt. Möglicherweise könnte so das Ziel "starke Kinder / Jugendliche" beschrieben werden.

Wie jedoch kann dieses Ziel erreicht werden?

Entscheidend scheint zu sein, den subjektiven Bedarf nach Drogen zu drosseln und die suchtfördernden Lebensbedingungen in Familie, Schule, Freizeit und Arbeitswelt zurückzudrängen. Aufgabe eines Sportvereines könnte es also u. a. sein, diese suchtfördernden Lebensbedingungen in der Freizeit - also im weiten Umfeld des Sporttreibens - zurückzudrängen.

Gibt es im Rahmen der Freizeitgestaltung, die ein Sportverein zu ermöglichen hilft, sog. "suchtfördernde Lebensbedingungen"?

Werden doch u. a. Doping, Muskelpräparate als vermeintliche Leistungsverstärker immer wieder mit dem Sport in Verbindung gebracht, daneben Nikotin Alkohol als sog. Stressabbaupräparate nach überstandenem Wettkampf? Drogen und Sport - ein notwendiges Nebeneinander?

Wohl kaum! Hier könnte ein Sportverein aufklären und sensibilisieren, Trainer und Betreuer sind als Vorbilder gefordert.

Welche Gründe könnten in dem Jugendlichen ein Bedürfnis nach Drogen hervorrufen?

Als eine Ursache kann angenommen werden, daß dieser Wunsch nach Drogen vor allem bei den Jugendlichen besonders stark ist, die Defizitgefühle im Leistungs- und sozialen Kontaktbereich empfinden.

Während im Rahmen des Mannschaftssports der soziale Kontaktbereich eher weniger problemhaft sein dürfte, so könnte der Leistungsbereich doch einer näheren Betrachtung unterzogen werden.

Kinder / Jugendliche unter sportlichem Leistungsdruck?

Wenn Kinder / Jugendliche nicht in der Lage sind, die Erwartungen von Trainer, Mannschaftskameraden, vielleicht auch Eltern, bezogen auf sportliche Fertigkeiten, zu erfüllen, wie sieht es dann mit der Akzeptanz von Kind / Jugendlichen aus? Hat das Kind / Jugendlicher möglicherweise sogar seine Berechtigung, sich im engen sozialen Umfeld der Gruppe zu bewegen, will heißen, am gemeinsamen Trainings- und Spielbetrieb teilzunehmen, "verspielt"? Das wiederum würde bedeuten, daß ausschließlich die Fähigkeit, eine sportliche Leistung zu vollbringen, die Legitimation für personale Akzeptanz darstellen würde, um damit auch in eine Mannschaft aufgenommen zu werden.

Würde so verfahren, würden möglicherweise starke Kinder / Jugendliche gestärkt, sprich noch stärker Was aber passiert mit den Abgewiesenen? Entstehen jetzt möglicherweise zumindest für den sportlichen Bereich Defizite bezogen auf den Leistungs- und sozialen Kontaktbereich? So könnte für den weniger starken Jugendlichen, für den u. U. der Sport, eingebunden in dem sozialen Netzwerk Sportverein, eine "Art Rettungsanker" darstellt, weil in den Feldern, Familie, Schule, Arbeitswelt, Probleme vorhanden sind, durch diese Art der "Auslese" des Sportvereines eine hohe Anfälligkeit mitproduziert werden.

In der Jugendspielgemeinschaft Untermosel sind es gerade diese Gesichtspunkte, die Berücksichtigung finden. Gilt es doch, Kinder tatsächlich stark zu machen. Es soll ein Aufbau von unten nach oben erfolgen, d. h., in den "sehr jungen Altersklassen" sollen die Mannschaften "dorf- bzw. gemeinschaftsbezogen" zusammengestellt werden. Kinder, die sich kennen, befreundet sind, treiben zusätzlich also noch gemeinsam Sport.

Ziel ist es, starke, verbindende soziale Gemeinschaften zu bilden. Spiel und Freude am Spiel sollen hier im Vordergrund stehen, weil jedes Kind bei einem Fußballspiel eingesetzt wird und selbst bestimmen kann, was es als Leistung einbringen möchte. Es darf also nicht vorkommen, daß ein Kind die Mannschaft begleitet und im Spiel nicht eingesetzt wird, nur weil irgendjemand Leistungsdefizite zu erkennen glaubt. Ab der Altersgruppe der 10 bis 12-jährigen sollen für das ein oder andere Freundschaftsspiel hin und wieder eine Mannschaft, bestehend aus Spielern aller Orte der Spielgemeinschaft, gebildet werden. Einerseits sollen individuellen Leistungsgedanken der Kinder Rechnung getragen werden, andererseits könnten auf diesem Wege Gesichtspunkten, wie andere Klassengemeinschaften, beispielsweise im Rahmen des Schulwechsels von der Grundschule möglicherweise zur Regionalen Schule oder zum Gymnasium hin Rechnung getragen werden. Entstehen doch hier möglicherweise Bedürfnisse, mit den neuen Klassenkameraden in einer Mannschaft zu spielen.

Ein weiterer Aspekt könnte sein, daß Eltern, gerade in diesen jungen Altersklassen die Kinder vielfach begleiten und mit anderen Eltern auf dem Sportplatz zusammentreffen, sich kennenlernen und treten in Kommunikation miteinander. Auch hier könnten soziale Kontakte entstehen. Obereinstimmend sind Erfahrungen der Sportvereine darin, daß die "Spielerdecke" im Bereich der B- und A-Jugend dünner wird. Mitverursachender Faktor könnte ein zu starker Druck sein, der dem einzelnen Jugendlichen vorgibt, immer und zu jeder Zeit Fußball spielen zu müssen. Eine Spielgemeinschaft ist häufig durch die hohe Anzahl von Spielern in der Lage, Freiräume zu gewähren. Es zeigt sich, daß gerade hier die Notwendigkeit einer Spielgemeinschaft angezeigt ist, um aus Spielern aller Orte der Spielgemeinschaft Mannschaften zu bilden. Eine so funktionierende Systematik i. S. von Förderung und Erhaltung von sozialen Gemeinschaften, könnte dazu beitragen, den ein oder anderen davon abzuhalten, dem Fußball, dem Sport und damit der sozialen Gemeinschaft den Rücken zu kehren, um so im Rahmen einer schwierigen menschlichen Entwicklungsphase - nämlich in der Jugendphase - im Schutz sozialer Gemeinschaften zu verbringen. Das, was für Familie und Schule in Einzelfällen nicht immer leistbar erscheint, kann vielleicht, wenn auch nur bruchstückhaft, so vom Sportverein im Verbund mit diesen Instanzen geleistet werden. Jedes Kind, jeder Jugendliche, der vor dem sogenannten "Abgleiten" in dieser schwierigen Lebensphase zu einer sehr schwierigen Zeit bewahrt wird, ist ein Erfolg. Dieses Bewußtsein, Jugendlichen und Eltern nahe zu bringen und zu leben, scheint Aufgabe dieser Jugendspielgemeinschaft zu sein. Wenn sich dann im einzelnen Bereich daneben noch ein sportlicher Erfolg einstellt, umso besser ...